Mein Balaton

Das erste Mal war ich mit Elf am Balaton.

Nicht mit der aus „Stranger Things“. Mit elf Jahren. Im Anschluss an eine einwöchige Rundreise durch das damals noch sozialistische Ungarn hatte meine Mutter eine weitere Woche am See gebucht, die der Erholung von den vorangegangenen kulturellen Ergötzungen dienen sollte, denen ich in diesem Alter naturgemäß wenig abgewonnen hatte.Wir waren in äußerst barocken Kirchen gewesen und in ein paar – nun ja: Schlössern; wir hatten die Donau sich majestätisch winden gesehen, die vertrocknete Hand eines seit tausend Jahren toten Königs beglotzt, hatten Männer in sehr weiten Hosen dabei beobachtet, wie sie auf galoppierenden Pferden herumstanden und schließlich hatte mich – weit weg von der nächsten Tetanus-Impfung, von Jodtropfen oder auch nur sterilem Verbandszeug – ein Schwein, das ich mit Gulaschsuppe füttern wollte, die mir zu scharf war, gebissen. Natürlich in den Mittelfinger.

Als ich den Balaton zum ersten Mal sah, hatte Ungarn bei mir also noch nicht stark gepunktet. Nun wohnten wir in Siofók, dem Zentrum des Südufer-Tourismus‘, in einem Hotel, das so austauschbar war, dass mir jede Erinnerung daran fehlt. Versuche ich, diesen Aufenthalt von anderen Urlaubsreisen abzugrenzen, finde ich nur die Absenz des Geruches von Pasta-Sauce auf Tomatenmark-Basis, säuerlich verkocht und mit viel zu viel Parmesan bestreut auf einem riesigen, dampfenden Teller voller Maccheroni, der zu sonnendurchglühter Mittagsstunde vor mir steht, während ich, verklebt mit Sand und Tiroler Nussöl bloß ein Eis möchte oder am liebsten gar nichts essen – – – es war also scheußlich, aber nicht in Jesolo.

Meine Mutter wollte mir die Tatsache, dass der Balaton im Süden seicht und nur im Norden zu tief für Nichtschwimmer war, als Naturwunder verkaufen, dabei war selbst mir klar, dass sie gar keine andere Wahl als das Südufer gehabt hatte, da weder sie noch ich schwimmen konnten. Preiswerter war es außerdem.

Der Reisebus, der in der ersten Woche den größten Teil des Tages unser Zuhause gewesen war, entließ uns irgendwo, da es egal war, an welcher Stelle wir uns in den Schwanenkot legten, und der Fahrer, ein freundlicher, dicker, behaarter Mann, der mich im Thermalbad von Debrecen damit beeindruckt hatte, wie er ohne jede Bewegung auf der Wasseroberfläche zu treiben vermochte, während ich beim Versuch, ihn nachzuahmen, sofort untergegangen war, versprach, uns acht Tage später wieder aufzunehmen, gebräunt, erholt, gemästet, und dahin zurückzubringen, wo wir hingehörten, in den freien, lebenswerten Westen. Ahnend, aber nicht verstehend, was am Westen lebenswerter sein sollte als am Osten, trug ich den Aufenthalt am See also mit Fassung; er würde vorübergehen, was immer geschah, der Bus uns rausholen, nichts und niemand bliebe zurück.

Und dann verliebte ich mich.

Sie war doppelt so alt wie ich und das größtmögliche Gegenteil einer Ungarin, denn sie kam aus – – – Düsseldorf.

Ich erinnere mich nicht mehr, wo und wie wir uns kennenlernten, aber die Minigolf-Anlage fühlt sich als Schauplatz wahrscheinlich an. Warum sie überhaupt auf meine Seeseite hin ausschwärmte, obwohl sie mit ihrer besten Freundin am Nordufer, in Balatonfüred, logierte, ist ebenso unklar wie eigentlich alles an dieser Geschichte, bis auf die Tatsache, dass meine Mutter und ich nach tagelangem Quengeln meinerseits zu einem ganztägigen Gegenbesuch aufbrachen.

So nahm ich zum ersten Mal die Fähre von Szántód nach Tihany, die es zu geben scheint, seit der See besteht, und die weit mehr ist als ein bloßes Schiff. Aber darüber sprechen wir ein andermal.

Es gibt tatsächlich noch ein Foto von uns Vieren, posierend auf der Aussichtsplattform neben der Basilika in Tihany. Glücklicherweise ist es so verblichen, dass ich diesen Umstand zum Vorwand nehmen kann, uns einen Rückblick auf die Mode dieser Zeit zu ersparen.

Wiedergesehen haben wir uns natürlich nicht, aber in unregelmäßigen und zunehmenden Abständen sittsame Briefe geschrieben, bis mich irgendwann die Pubertät und sie vermutlich das Eheleben zwang, einander untreu zu werden.

Hatte ich in der ersten Woche in Ungarn große Schwierigkeiten gehabt, mich mit dem anzufreunden, was uns auf den verschiedenen Reisestationen als „echt ungarische Küche“ vorgesetzt worden war, bot der Balaton kulinarisch etwas für mich völlig Neues, für das ich mich sofort begeisterte: frisch gekochte Maiskolben, gesalzen und mit geschmolzener Butter übergossen. Es gab sie schon morgens und sie wurden in mobilen Verkaufsständen an jeder Ecke angeboten, waren also immer in Reichweite. „Kukurica“ wurden sie auf Ungarisch genannt, und sie wurden mir eine Woche lang zum täglichen Frühstück und Nachmittags-Imbiss. Dazwischen aß ich Lángos und Eis, und ab und zu ein wenig á la carte, aber nur, wenn ich länger aufbleiben wollte, um zu verhindern, dass meine Mutter und der stark an ihr interessierte Rechtsanwalt aus dem Nachbarhotel sich zu nahe kamen.

Natürlich hat all dies mit dem Balaton selbst wenig zu tun, doch in meinen Erinnerungen ist alles untrennbar miteinander vermengt. Jahrzehntelang riefen gekochte Maiskolben in mir Gedanken an den Balaton hervor, aber auch an Miniröcke, ein wenig zu kräftige Oberschenkel, an rotblau karierte Sakkos, orangefarbene Plateausohlenschuhe und viel zu enge Stehkragenpullover. Vielleicht deshalb dauerte es so lange, ehe ich wieder dorthin zurückkehrte, mit Ende Dreißig, auf der Durchreise zu einer Hochzeit und in Begleitung meiner damaligen Freundin, ihrer Kinder und sehr veränderter Ernährungsgewohnheiten. Sofort fiel auf, dass die Maiskolbenstände verschwunden und durch Pizza-, Hot Dog-, Pommes- und andere Stände mit fragwürdigen kulinarischen Höhepunkten westlichen Stils ersetzt worden waren, für die man nicht nach Ungarn zu reisen brauchte.

Auch sonst hatte sich viel verändert. Die Strände waren verbaut, begradigt, verdichtet und ziemlich verwahrlost. Groß war die Enttäuschung, noch größer die meiner damaligen Familie, und ich war sicher, nie mehr hierher zu kommen.

Zwölf Jahre später reiste ich doch wieder an den Balaton. Diesmal nicht wegen des Sees, sondern Freunden entgegen, für die er auf halbem Weg zu mir lag. Meine Mutter gab es leider längst nicht mehr und auch die Familie hatte sich auf diverse andere Leben verteilt. Stattdessen befand ich mich in Begleitung einer Dame, die mir in der Kürze unserer gemeinsamen Zeit den Balaton, sein Umland und dessen Geheimnisse näher brachte als hundert Reisen auf eigene Faust es vermocht hätten.

Plötzlich war da nicht mehr nur ein See mit etwas Drumherum, sondern ein Ort voller Eindrücke, Erlebnisse und Emotionen, der beinahe lebendig wurde. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie die Wasseroberfläche mehrmals täglich ihre Farbe wechselt, je nach Wärme, Kühle oder Windstärke. Von sattem Türkis über dunkles Blau zu schillerndem Silber reicht die Palette, mit Dutzenden von Zwischentönen. Mag sein, dass ich darauf achtete, weil dies auch für die Stimmungen und Farben der Dame galt, doch ich nahm sie jetzt ebenso deutlich wahr wie die Wolken, die fast immer irgendwo über dem See schweben: gewaltige grau-weiße Massen mitunter, aufgetürmt bis an den Zenit, durchsprenkelt von kleineren „Schäfchen“; riesige Verschleierungen, Fetzen, die an zerrissene Bandagen erinnern, Gepünktel, wabernde Schwaden oder einfach satte, fette, weiße Ballen, in die sich Figuren hineinphantasieren lassen.

Ich begann, auf die Schwäne und Enten zu achten, die im strengst geschützten Schilfgürtel nisten, von wo aus sie mitunter Exkursionen starten, als würden sie Verwandte oder Freunde besuchen und nach einem Plausch wieder nach Hause zurückkehren. Vielleicht sind diese Treffen sogar romantischer Natur; spätestens seit Donald Duck weiß jedes Kind, zu welchen Emotionen ein Erpel imstande ist, und spätestens mit 13 weiß es auch, was man im Schilf sonst noch anstellen kann. Gewiss, man muss lange am Ufer sitzen, um derlei beobachten zu können, es darf kein Badewetter herrschen und eine gewisse Einbildungskraft, die einen glauben lässt, man könne Wasservögel tatsächlich voneinander unterscheiden, ist ebenfalls Voraussetzung. Dann aber ist für meditativen Spaß gesorgt.

Und das Wetter? Scheint die Sonne, regnet’s nicht, sagt der Mallorca-Urlauber. Am Balaton gilt etwas anderes. Hier kann es sein, dass es in Veszprém wie aus Kübeln gießt, während einen in Siofók der Hitzschlag trifft (und umgekehrt), dass in Keszthely ein Unwetter niedergeht, sodass der Mittwochsmarkt sich vor Hagel schützen muss, während man in Fonyód beim Warten auf die Fähre dankbar für den kühlen Lufthauch ist, der von Westen herüberweht.

Blitz und Donner, Licht und Schatten, Wind und Wolken wirken auch auf die Farben der Landschaft ein. Das ist zwar weltweit so, doch im Zusammenspiel mit der riesigen Wasseroberfläche etwas ganz besonderes. Ein Blick über den Balaton gleicht nie dem Blick zuvor, selbst wenn er bloß wenige Momente zurückliegt. Die Wahrnehmung der gegenüberliegenden Seite ändert sich wie die Farbe und Struktur des Sees, und manchmal verschmilzt sie mit ihnen. Mal ist das andere Ufer ein dunkelblaues Band, das im peripheren Sehen in ein Nichts ausläuft, mal ein unscharfes, metallisch glänzendes Gezacke, dann wieder ein sanfter, bläulichweißer Schleier fast ohne Kontur. Immer gleich ist nur der Wunsch, schnellstmöglich hinüber zu gelangen, um staunend die Vermutung bestätigt zu bekommen, dass es von drüben wieder ganz anders aussieht.

Natürlich endet ein See nicht einfach an seinem Ufer; er prägt die umgebende Landschaft noch kilometerweit und überträgt seine Gegensätze ins Hinterland.

Im Süden entspricht die Landschaft dem Klischee von Ungarn, das die meisten kennen: schier endlose Getreidefelder, von Laubwäldchen unterbrochen, in scheinbar unendlicher, fast ebener Weite. Die Dörfer, gleichförmig unaufregend mit ihren eingeschossigen, pastellfarbenen, leicht heruntergekommenen Häusern, beidseits der oft einzigen Straße aufgereiht, davor teils abenteurlich tiefe Gräben, Autofallen vermutlich, dazwischen rostschutzbemalte Zäune von bizarrer Hässlichkeit, die weniger Eindringlinge am Eindringen hindern zu sollen scheinen, als dem Wahnsinn nahe Hunde daran, auszubrechen und den nächstbesten Passanten grunzend zu zerfleischen. Nur das Tor im Zaun und ein Fenster des Hauses zeigen in aller Regel zur Straße; das Leben spielt sich nach hinten hinaus ab, möglichst im Schatten und nicht vom Winde umweht, der den Straßenstaub trägt.

Man hält sich hier Vieh, nicht nur die zwei oder drei Edel-Hühner der Norduferprominenz, die damit ihre Erdverbundenheit unter Beweis stellen möchte; nein, hier darf es auch mal ein Schaf oder Schwein sein, manchmal auch mehrere oder gar viele. Wer darüber hinaus noch ein Pferd hat, oder zwei oder drei, hat meist auch ein Fuhrwerk dazu oder dessen modernere Nachfolger, Pick-ups und Traktoren.

Es herrscht hier die schwer lastende Ruhe langer, furchterregend heißer Sommer und bitterkalter Winter. Die Häuser sind oft strohgedeckt, die Wände lehmverputzt; das kühlt im Sommer und wärmt unter dem Schnee, der unerwartet und in Massen fallen kann, doch selten lange liegenbleibt. Niedrig sind die Türen, klein die Räume, Temperaturaustausch ist nicht gewünscht. Manchmal denke ich, kann es aber nicht beweisen, dass sie im Süden sogar anders kochen als auf der anderen Seite des Sees. Es ist ein Schmorgerichteland, eine Einmachgegend, Trockenfutterebene und Haltbarkeitsregion.

Im Norden wirkt hingegen immer alles frisch. Es grünt und blüht und prangt und dampft schon fast vor Fruchtbarkeit. Hier haben die Maisfelder dem Wein zu weichen, das Gebüsch dem Obstbaum, mit Ausnahme des Holunders, die Fuhrwerke machen den Geländewagen Platz, das Stroh auf den Dächern und im Lehm der Wände den Ziegeln, und die dichten Laubwälder sind von Essbarem bewohnt.

In den Dörfern dominiert der Stein; sie wirken wehrhaft. Wer sich’s leisten kann, errichtet die Hauswand in Trockenbauweise, massiv und fugenlos. Wird überhaupt verputzt, dann traditionell: weiß gemalte Rahmen markieren an der Hauswand die dahinter liegenden Bohlen. Im Giebel findet sich ein Taubenschlag, eine religiöse Statue füllt eine Nische oder ein kleines Zusatzfenster. Manche lassen ein Wappen stukkieren. Zäune gibt es hingegen kaum; man friedet sich mit Mauern ein, die den Namen verdienen und hält als Kontrast dazu Hunde, die froh sind, wenn sie bellen dürfen und nicht beißen müssen.

Hügelig ist es hier, für ungarische Verhältnisse fast bergig. Es ist Wanderer-, Radfahr- und Einkehrland, eine Gegend für Entdeckungen jenseits derer, die in Reiseführern stehen. Zwischen Burgruinen, Brücken, Brunnen, Wassermühlen, steinumfassten Quellen und viel Naturnostalgischem mehr stößt man auf ganz altes: natürlich waren die Römer auch hier. Und das Land hat seitdem weithin sein Gesicht behalten. Location Scouts aus aller Welt gehen hier auf die Suche, denn fast überall könnte ein Film gedreht werden, der in ferner, windrad-, strommast- und mobilfunkantennenfreier Vergangenheit spielt.

Jemand sagte mal, der Balaton lasse einen entweder gleichgültig – oder man verliebe sich in ihn. Dazwischen gebe es nichts. Es war am frühen Morgen eines Apriltages, zwischen Dörgicse und Mencshely, tief im Wald und doch mit Blick auf den See, als ich – vollkommen nüchtern – auf einem Jägerhochstand saß, zwischen Nebelschwaden und erstem Sonnenschein – und mir meine Entscheidung ganz einfach abgenommen wurde.

Ein paar Konstellationen haben sich seither verändert, manche gravierend, andere vernachlässigbar, aber die Hauptsache ist gleich geblieben: der See.

Nur gehört er jetzt mir.

Wenn das meine Mutter wüsste!