Das Bätscherle
Wir saßen beim Griechen, zwei Dutzend Gäste und ich, hatten das Essen, die Sirtaki-Kapelle und erste Ouzo-Runden überstanden, als drei Freunde mich feixend an ihren Tisch beorderten und mir mit dem Hinweis, es handle sich um eine besonders aufnahmefähige Sorte, mein Geburtstagsgeschenk überreichten: eine Großpackung Windeln.
Mein erster Gedanke ließ mich zu meiner Freundin blicken. Sie wirkte uneingeweiht, Gottseidank. Die zweite Überlegung galt der Frage, ob die Packung groß genug war, um einer Stripteasetänzerin Unterschlupf bieten zu können. Das schien nicht der Fall, und wenn doch, würde die Tänzerin nach ihrer Befreiung andere Sorgen haben als zu tanzen. Erst beim dritten Denkversuch erwog ich die Möglichkeit, es könne sich um ein Symbol handeln und tastete unwillkürlich nach meinem Weinglas.
Man weidete sich an meiner Planlosigkeit, grinste und warf sich vielsagende Blicke zu, ehe salbungsvoll eine Urkunde entrollt wurde. Einer las vor, mit wohlwollender Boshaftigkeit lauschte der Rest.
Ein „Bätscherle“ sollte es sein, das Geschenk, ein „kleiner Schlag“ also im Schwäbischen, und man war nach alemannischem Volksglauben der Ansicht, daß es dessen bedürfe, um „gschaid z‘ werda“, wofür es für mich mit Vierzig allmählich an der Zeit sei. Da man ein einzelnes Bätscherle aber für womöglich nicht ausreichend hielt, sollte es ein ganzes Stakkato davon geben, und zwar in Form einer Autofahrt. Nicht irgendeiner, versteht sich, und auch nicht auf einer normalen Straße. Vielmehr würde ich chauffiert werden, drei Runden um die berüchtigte Nordschleife des Nürburgrings, in einem Mercedes CLK 55 AMG, mit einem Profi am Steuer, einem gewissen Robert Schäfer, seines Zeichens Leiter der Versuchsabteilung von Daimler Chrysler und Rekordinhaber über die längste Nonstop-Fahrt jenseits der 300 km/h.
Ich aber, hieß es weiter, sei selbst schuld: vor Jahren hatte ich mich beklagt, daß die wenigen, denen ein solches Privileg vergönnt war, nur unzureichende Berichte davon abzuliefern im Stande gewesen seien. Nun sollte mir Gelegenheit gegeben werden, es besser zu machen – oder endlich zu verstehen, warum noch niemand dieses Erlebnis vernünftig beschrieben hat.
Ich blickte auf die Windeln, auf die Freunde, auf mein Weinglas und schließlich wieder auf die Windeln. Dann verstand ich.
Die Sonne hatte sich bereits gegen den Morgennebel durchgesetzt, war aber weit davon entfernt, für Wärme sorgen zu können, als ich an einem überaus kalten Oktobermorgen viel zu früh am Nürburgring eintraf. Ich fror, kaum dem Mietwagen entstiegen, flüchtete aber trotzdem nicht sofort ins Hotel, sondern inspizierte, mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen, den nahegelegenen Eingang zur Südschleife.
Eine Schulklasse, alle in dicken Anoraks, querte plappernd meinen Weg und beeilte sich, das Motorsportmuseum zu erreichen. Das Tor zur Strecke stand offen. Zur Linken lag die lange Gerade, rechts die Zielkurve, dahinter konnte ich ein Stück der Nordschleife ausmachen. Es herrschte Leere. Verlassen die Tribünen, kein Auto auf dem Kurs, niemand weit und breit. Aber es lag kein Laub auf der Strecke, wie sonst überall, die Reifenbarrieren standen wie frisch gestapelt, die Kurvenbegrenzungen schienen erst kürzlich neu gestrichen worden zu sein, die Rolltore zu den Boxen wirkten bereit, sich jeden Augenblick zu heben – und so strahlte die Rennstrecke in ihrer wohlpräparierten Ungenutztheit etwas eigentümlich Wartendes aus, als harre sie, nach Monaten des Vergessenseins in ihrer Eifeleinsamkeit des Tages, an dem sich die Tribünen wieder mit Abertausenden füllen und Rennmotoren die Stille beenden würden: Das kalte, graue, fünftausend Meter lange Asphaltband wartete auf die Wiederkehr seiner Existenzberechtigung. Das Gefühl war mir bekannt; es stellt sich unmittelbar nach jedem Rennen ein und endet erst mit dem nächsten. Dazwischen liegt, was einen überfällt, wenn man im Januar ein Freibad sieht. Auf einmal hatte ich es eilig, ins Hotel zu kommen.
An der Rezeption lagen Prospekte aus, die verrieten, wie bemüht man war, Menschen hierher zu locken. Was wurde nicht alles angeboten: Rennfahrerkurse, Fahrsicherheitstrainings, geselliges Beisammensein im Go-Kart, Silvesterfeiern mit Ungestörtheitsgarantie und derlei mehr. Etwas unaufmerksam blätterte ich in den Heftchen. Ich dachte an Schäfer, von dem ich nur den Namen kannte und fragte mich, woran ich ihn erkennen würde. Anwesend konnte er noch nicht sein, denn es herrschte zwar an der Hotelbar trotz der frühen Stunde schon reger Betrieb, doch die Männer, die dort in Grüppchen standen, sahen nicht aus wie Rennfahrer: Dicke Belgier und kleinwüchsige Japaner in Anzug und Krawatte plauderten miteinander in mehr oder weniger verständlichem Englisch, stellten ihre Getränke auf Glasplatten, die auf Reifenstapeln lagen und drückten Zigaretten in Aschenbechern aus, die aus Getriebeteilen gefertigt zu sein schienen.
Ein kalter Luftzug ließ mich zur Tür blicken, durch die gerade ein älterer Herr das Hotel betrat. Er war groß, schlank und wirkte sportlich mit der für die Jahreszeit ungewöhnlich gebräunten Haut und dem kurzen, grauen Haarkranz. Raschen Schrittes passierte er die Rezeption, an der außer mir niemand Notiz von ihm nahm und wandte sich der Hotelbar zu. Im Vorübergehen musterte er die Anzugträger, ohne sein Tempo zu verlangsamen, blickte den Gang hinab zum Lift, dann in die andere Richtung, in der ein silbernes, der Länge nach halbiertes LKW-Fahrerhaus das Ende der Bar markierte und erreichte die hintere Glasfront des Raumes, wo er stehenblieb und kurz aus dem Fenster sah. Dann kehrte er um und kam den gleichen Weg zurück, wobei er die Geschäftsleute nun etwas gründlicher in Augenschein nahm. Möglicherweise suchte er jemanden, und wenn dem so war, bestand kein Zweifel, wen, denn der sportliche, ältere Herr trug einen Rennoverall. Einen dunkelblauen, schneidig wirkenden „Sparco“-Overall, der ihm unerhört gut stand, solange man davon absah, daß er im Gesäßbereich wirkte, als stecke eine Windel darin… Eine Windel? Natürlich, was sonst?
Ich erwog, mich mit einem Sprung hinter die Rezeption zu retten, aber es war zu spät: Schäfer hatte mich entdeckt. Er kam auf mich zu, und wir begrüßten uns. Ich ihn etwas zaghaft, er mich in demselben gemütlich-breiten Schwäbisch, in dem er tags zuvor unser Treffen bestätigt und vor einer Woche ein früheres abgesagt hatte: da hatte es geregnet, und das, so Schäfer, sei „nix fir ons, weil mr wolle ja e bißle was schbiere vo dr Längs- ond Quärbschloinigung, nedd?“
Der feuerrote CLK stand direkt vor der Tür. Das war gut und beunruhigend zugleich. Gern hätte ich den Wagen, der mich gleich in ungekannte Geschwindigkeitsbereiche führen sollte, von weitem gemustert und mich sozusagen schrittweise an seine mächtige und doch so schnittige Form gewöhnt. So aber blieb keine Zeit; es hieß, ohne verräterisches Zögern einzusteigen und von nun an diesem Auto und seinem Fahrer ergeben zu vertrauen. Vor allem galt es, nicht zuviel nachzudenken, die Geschichten, die ich mir zur Steigerung der Vorfreude von den Schenkenden anzuhören gehabt hatte, so weit wie möglich auszublenden. Denn ich war nicht der erste, den Schäfer echauffiert hatte, und so gab es reichlich Stoff für abschreckende Erzählungen, die von früheren Mitfahrern zu berichten wußten, gestandenen Männern, die winselnd um Entlassung aus dem Renngeschoß gefleht haben sollen, sich auf Frau und Kinder berufend, und die Schäfer, dieser harmlos wirkende Endfünfziger, unter satanischem Grinsen mit der Auskunft beschieden habe, auch er sei verheiratet. Geschichten von Athleten, die man nach nur einer Runde auf dem „heißen Sitz“ wie Greise aus dem Auto zu heben hatte, weil ihre Beine den Dienst versagten; von abenteuerlichen Wettfahrten, die Schäfer unternommen – und gewonnen – habe, sowie von der Tatsache, daß Schäfer, der sich inzwischen neben mir angegurtet hatte und mir ermunternd zulächelte, im Renn-Mercedes Bernd Schneiders lediglich zwei Zehntel auf den mehrfachen Deutschen Meister verloren habe. Kotztüten aber, hatte einer der Legendenbildner mit schadenfroher Mine verkündet, gebe es selbstverständlich nicht an Bord, auch wenn das Erlebnis einem Flug durchaus ähnlicher sei als einer Fahrt, und folglich trete man vernünftigerweise nüchtern zu dem Experiment an, um sich wenigstens diese Peinlichkeit zu ersparen…
Das Innere des Wagens wirkte weder, als hätten sich darin schon viele Passagiere übergeben, noch in anderer Weise spektakulär. Die Ledersitze wiesen keine schlauchbootartigen Seitenschwellungen auf, es gab keine krakenhaften Gurtkombinationen, keinen Überrollbügel oder andere respekteinflößende Ausstattungsextras. Dafür war ein Radio vorhanden, aus dem es leise düdelte. Erst als Schäfer den Motor startete, ließ das Blubbern aus fünf Litern Hubraum die Möglichkeit erschreckender Kraftentfaltung ahnen.
„Also guet, na packet mr’s“, sagte Schäfer. „Schdellet Se n Sitz ganz nondr, Se sen groß, deß werdet Se brauche…“
Es war nicht weit zur Einfahrt auf die Strecke. Ein Ordner am Durchlaß der Absperrungen grüßte Schäfer winkend. Gleich dahinter begann das Testfahrerlager. Wir waren nicht allein an diesem Tag; Testfahrzeuge von Mercedes und anderen Herstellern standen entlang der Leitplanke aufgereiht; es wurde geschraubt, vermessen, betankt, poliert und lebhaft diskutiert. Zeit zum Schauen blieb aber kaum, denn Schäfer fuhr zügig an seinen Kollegen vorüber, winkte hier und da aus dem Fenster, und wandte sich dann unvermittelt an mich: „Sodele, na setzet mr etz amol onsern Helm uff!“
Schon zurrte er seinen Kinnriemen zurecht, während ich mich bemühte, meinen Kopfschutz zwischen Wagen- und Schädeldecke zu zwängen, um ihn überstülpen zu können. Ich merkte, daß meine Hände dabei ein wenig zitterten, und da die Heizung im Wagen lief, gab’s keine Ausrede. Im selben Moment, als der Verschluß endlich klickte, endete auch die Leitplanke – wir waren auf der Nordschleife.
Schäfer gab sofort Gas. Die erste Kurve (von 169 weiteren, denn aus nichts anderem besteht der Nürburgring) lag am Ende eines kurzen Bergabstücks. Sie führte nach links und war so eng, daß ich sie an einem verwegenen Tag mit 70 riskiert hätte. Schäfer lenkte ein, der Tacho zeigte knapp 100, was den CLK weit weniger beeindruckte als mich: ich klebte an der Tür. Am Kurvenausgang rutschte ich auf den Sitz zurück, doch da saß schon jemand anderes: ein kleiner, unsichtbarer Elefant drückte mich gegen die Rückenlehne, als Schäfer jetzt richtig aufs Gas trat und wir mit gut 130 km/h durch den Hatzenbachbogen sausten. Etwas langsamer ging es durch die folgenden drei, vier Kurven, dann beschleunigten wir auf rund 180, bevor die scharfe Rechts-Links-Passage „Hocheichen“ heftiges Abbremsen erzwang, obwohl es steil bergauf ging.
All das nahm meinen Fahrer kaum in Anspruch. Er lächelte mir wiederholte Male zu, schaltete das Radio aus, nestelte kurz an einem Funkgerät herum, das an meiner Kopfstütze befestigt war und erklärte mir vergnügt den Ablauf unserer Fahrt. Die erste Runde werde nur eine langsame, log er, in deren Fortgang er mir entscheidende Streckenabschnitte näherbringen wolle. Er werde dabei eine äußerst präzise Linie fahren, damit ich mir die einzelnen Abschnitte einprägen und mich darauf einstellen könne, was in der zweiten Runde geschehen werde, die wir „ä bissle ziegiger fohre“. Die dritte Runde schließlich werde wieder langsamer verlaufen und diene nur mehr dazu, Motor und Bremsen abkühlen zu lassen. Ich wartete mit dem Zurücklächeln, bis eine weitere Linkskurve mein Gesicht in die richtige Richtung drehte, nuschelte „Prima!“ und dachte: wenn er die beiden letzten Kurven in der nächsten Runde nur 10 km/h schneller nimmt, sind wir tot. Längst hatte sich meine rechte Hand in den Türgriff gekrallt.
Wir erreichten die „Quiddelbacher Höhe“ und gleich darauf den „Flugplatz“, zwei beinahe geradeaus führende Passagen, getrennt nur durch einen uneinsehbaren, schnellen Rechtsknick. Meine Hauptsorge galt nun den Kräften der „Längsbeschloinigung“ und der Frage, wann ich samt Sitz im Kofferraum liegen würde. Schäfer sprach fast ständig und war bester Laune. Der Knick eben sei einer dieser schwierigen gewesen, in die man nicht nur einlenken müsse, lange bevor man sie sehe, sondern auch exakt wissen, was folge, „bsondrß wänn’s schnell gohd“. Er lachte. Ich dürfe mich nicht wundern oder gar ängstigen, wenn er nachher, bei der schnellen Runde, am Lenkrad kurble, obwohl die Kurve noch gar nicht im Blickfeld liege – „de kommet gschwindr wie Se glaubet…“
Die Schilder am Streckenrand, die verrieten, wieviele Kilometer man hinter sich hatte, aber unausgesprochen ließen, wieviele noch folgten, bemerkte ich erst jetzt. Ich versuchte, sechs von zweiundzwanzig abzuziehen, scheiterte aber an den Fliehkräften der „Fuchsröhre“, einer Senke, die das Auto ebenso in die Knie zwang wie meine Rechenfähigkeit.
Ein Bergaufstück folgte. Mein Verstand kroch an seinen Platz zurück, die Sinne kehrten wieder. Ich begann, mich an den Rhythmus zu gewöhnen: es war im Grunde wie Achterbahnfahren. Man wird hin und her gebeutelt, es geht rauf und runter, alles halb so wild. Was Schäfer sagte und was ich sah, bekam allmählich Synchronität. Ich entspannte mich. Und zwar genau bis zum „Adenauer Forst“. Dort schien Schäfer, verglichen mit den vorhergegangenen Kurven, ungewöhnlich stark zu bremsen. Ich hütete mich, nach dem Grund zu fragen, mein Fahrer lieferte ihn trotzdem: „Sehet Se däß do rächz? Dee Schbure doo?“ fragte er, sanft nach links einlenkend. „Hobbyfohrer! Nain vo zea sen do z’schnell. Na sauset se glei noh in Wald…“
Es ging jetzt stark hinunter. Am tiefsten Punkt knickte die Strecke nach links ab und stieg sogleich himmelwärts. Schäfer nannte die Passage „Metzgesfeld“ und warnte vor dem stärksten Bremsmanöver, nachher, wenn es wirklich flott gehen werde.
„Schon recht!“, dachte ich, austariert und bereit, schlimmerem entgegenzusehen; neigte der Mann vielleicht doch zu Übertreibungen? Kein Zweifel, daß er hervorragend fuhr, aber jedem sind Grenzen gesetzt, und seien es die der Physik.
Bei Kilometer 9 ist man Adenau am nächsten. Der Ort liegt links unterhalb der Strecke, so daß man vom Abschnitt „Wehrseifen“ aus einen guten Blick auf die Häuser des Buttermarktviertels hat: hier hatte ich als Zwölfjähriger übernachtet, als ich 1975 meinen ersten Grand Prix besuchte; auch das war ein Geburtstagsgeschenk… Nach der Brücke, zwischen „Exmühle“ und „Breidscheid“, hebt sich zur Rechten der Wald. Auf Anhieb entdeckte ich die Stelle, von der aus ich zum ersten Mal einen Formel 1-Rennwagen bestaunt hatte. Die Eindrücke kehrten wieder, als läge ein Fotoalbum auf meinen Knien: Ich sah die kantigen, breiten, sagenhaft flachen Wagen mit ihren riesigen Heckspoilern, wie sie bergab schossen, kurz die Brücke anbremsten und bergauf im Wald in Richtung „Bergwerk“ verschwanden, während der furchteinflößende Lärm, den sie verbreiteten, halbe Minuten lang nachhallte und wie Tropfen von den Bäumen zu rieseln schien, bevor der Waldboden ihn verschluckte. Ein Stück rechts von unserem Platz war eine Betonröhre gewesen, die unter der Piste hindurchführte. Unter einem Vorwand hatte ich mich von der Mutter entfernt, auf das Auftauchen von Laudas Ferrari gewartet und war in die Röhre gerannt, um das Monstrum über mich hinwegdonnern zu lassen… Und jetzt, 28 Jahre später, war ich auf der anderen Seite des Zaunes, selbst in einem Wagen, dem mein Beobachterposten und der kleine, vibrierende Tunnel von damals vollkommen gleichgültig waren, der sie hinter sich ließ und erinnerungslos durch den Wald dröhnte, während sein Fahrer mir das „Bergwerk“ zeigte, die Stelle, an der Lauda, ein Jahr, nachdem ich unter seinem Wagen gestanden und vor Angst und Krach gebebt hatte, verunglückt war.
Die nächsten Kilometer sind unaufregend, erscheinen zumindest so. Ich freue mich über meine Gelassenheit. Am „Kesselchen“ wechselt Schäfer einmal die Fahrbahnseite, ein Mitsubishi überholt uns schlingernd. „Den lass mr etzed no gschwind vorbai, nochher gibd’s dess nimmer…“
Als wir ans „Caracciola-Karussell“ kommen, ist von dem Mitsubishi nichts mehr zu sehen. Von der Kurve allerdings auch nicht. Sie liegt auf einer Kuppe – kaum hat man sie wahrgenommen, steckt man schon drin. Vorbei ist’s mit der Entspanntheit. Der Motor brüllt auf, als Schäfers Rechte zweimal blitzschnell und doch ganz leicht gegen den Schaltknüppel schlägt. Ein Ruck am Lenkrad, wir kippen nach links. Mit dem Gaspedal klebt Schäfer den CLK an die Steilwand aus Betonplatten, die Stoßdämpfer ächzen unter Fliehkraft und Fugen, die Reifen jaulen trotz des rauhen Belages. Im Kurvenausgang die große Erleichterung: das eigene Gewicht ist für eine Sekunde wie fortgeblasen; sofort kehrt es als Vielfaches zurück, wirft mich mit Wucht gegen Schäfers Schulter. Den stört das nicht. Er lacht und kündigt den „Pflanzgarten“ an, die kleine und große Flugeinlage. Zwei Kuppen folgen hier dicht aufeinander, getrennt durch eine leichte Linksbiegung. Ich überlege, ab welchem Tempo man abhebt. Der Tacho zeigt 130 – das reicht noch nicht – führt aber bereits zu einem Kurzbesuch des Magens beim Kleinhirn. „Do missed Se se ä bissle nohducke, gell!“, rät Schäfer, „weil nacher send‘ Räder frai…“
Die erste Runde nähert sich ihrem Ende. Wir haben „Schwalbenschwanz“ und „Galgenkopf“ passiert, die mich nicht mehr sonderlich schrecken und sind auf der „Döttinger Höhe“, dem Anfang des längsten Geradeausstücks der Nordschleife. An ihrem Ende beginnt die schnelle Runde – die wirklich schnelle.
Schäfer nimmt Anlauf. Als sei der Motor des CLK nicht warm genug, tritt er das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Fürchterlich schnell nähert sich die Tachonadel der 250, überholt damit knapp meinen Puls, gerät, wie auch ich, leicht ins Zittern und steht bei 280, als Schäfer am „Hohenrain“ brutal in die Bremse steigt.
Es reicht nicht. Mein Gott, das reicht niemals. Die Kurve ist zu nah, vor allem aber zu eng, viel zu eng, wir werden – – – mit einem Quietschen, das die Zähne pfeifen lässt, kämpfen die Reifen um Halt. Es reißt mich nach links, schleudert mich nach rechts. Wenn die Stoßdämpfer ihren Tiefpunkt erreichen, ist es, als springe man gegen eine schwach gepolsterte Wand. Rechts ist das Fahrerlager. Niemand winkt. Oder sehe ich es nicht, weil der Wagen so vibriert?
Plötzlich gibt der Boden nach. Kann das sein? Nein, es ist nur das Auto, es springt. Wir schießen in die erste Kurve hinunter, die einzige, an die ich mich jetzt noch zu erinnern glaube. Hatten wir 100 drauf beim ersten Versuch? Egal, jetzt sind es 30 mehr. Schäfer lenkt nicht mehr, er arbeitet. Mit ungeheurer Präzision. Als gäbe es nur für ihn sichtbare Markierungen am Lenkrad, kurbelt er daran wie an einem Tresorschloß, drei nach links, zehn nach rechts, jetzt geradestellen, auf geht’s – alles in Zehntelsekunden. Im Hatzenbachbogen sind wir auf 200. Schäfer scheint den Schaltknüppel kaum zu berühren, so schnell wechselt er die Gänge. Jeder Knick ist jetzt eine Kurve, jede Senke ein Aufprall, jede Steigung ein Steigflug. In „Hocheichen“ bricht der Wagen aus; zwei Tonnen Auto wollen partout nicht nach rechts. Für den Bruchteil einer Sekunde hört das Quietschen der Reifen auf, als das Heck sich zeitlupenhaft wegdreht. Schäfer reißt mit sanfter Gewalt am Lenkrad, steht auf Gas und Bremse gleichzeitig, jetzt nur auf dem Gas, der Wagen spurt. Das ist höchste Zeit, die nächste Linkskurve naht. Falsch, sie ist schon da. Wir rasen auf den „Flugplatz“ zu, das Tempo genügt einer Cessna zum Abheben. Wo ist der Knick, dieser schreckliche – – – schon vorbei.
Ich versuche, zu denken, zu vergleichen. Wie oft bist du in einem Auto gesessen? Hunderte Male, tausende? Als Kind auf der Rückbank beim Onkel, später vorne, irgendwann selbst am Steuer. Alte Autos waren darunter, marode gar, mit knackender Schaltung; noble auch, mit Servolenkung und Automatikgetriebe, zum Versinken weich gefederte und andere, die lagen wie das sprichwörtliche Brett. Hochrädrige gab es, in deren Schwerpunkt du kein Vertrauen fandest, wie auch flach geduckte, die unter dem Fahrtwind hindurchzuschlüpfen schienen. Auf Sommer– und Winterreifen bist du unterwegs gewesen, hast das Erschrecken erlebt, wenn das griffigste Profil nicht mehr griff, weil Laub oder Schnee den Asphalt bedeckte. Bist im Kart und mit klebrigen Slicks um Kurven gerutscht, hast Blaulichtfahrten im Streifenwagen erlitten und Wolkenbrüche auf italienischen Straßen, die zu Wasserrutschen wurden. Hast du nicht alles erlebt, was auf vier Rädern passieren kann? Es ist nur ein Auto, in dem du jetzt sitzt.
Aber alles ist anders.
Der Asphalt lehrt eine neue Form der Perspektive. Parallele Linien münden in einem Fluchtpunkt? Vom Wald, in dem der Punkt verschwindet, hat der Zeichenlehrer nie erzählt. Kreise werden zu Ellipsen, der Horizont liegt keineswegs auf Augenhöhe. Die Abstände zwischen parallelen Objekten verkürzen sich nach hinten? Für Seitenmarkierungen gilt das nicht: die rotweißen Streifen vermengen sich zum rosa Band. Wären Männchen draufgemalt, hätte man ein Daumenkino. Manche Objekte verflüchtigen sich ganz. Zum Beispiel die Bäume. Wir rasen an einer grünbraunen Wand entlang. Farbflecken, die einmal Schilder waren, blitzen mitunter darin auf. Verschwunden sind auch die Pfosten der Leitplanken. Wie endlose Peitschen winden die grauen Schienen sich beidseits des Wagens in horizontalen Parabeln.
Gewaltig ist der Lärm. Motor, Reifen, Bremsen, Getriebe – alles dröhnt, ächzt, knarzt, quietscht, faucht und stuckert. Was aber für mich nur Bewegung und Geräusch, ist für den Zauberer zu meiner Linken ein Dialog mit Worten, die nur er versteht. Der Wagen fordert, warnt und bittet, mit Händen und Füßen antwortet Schäfer. Er lacht jetzt nicht mehr, auch wenn es fast so scheint. Sein Mund ist verzerrt, wenn er sich schnaubend fügt, dem Ungeheuer dessen Willen läßt; dann befiehlt er, Luft einsaugend, neuen Irrsinn, tritt nach, läßt nach, wenn er zu weit gegangen ist – und verlangt umgehend mehr.
Wir sind jetzt auf dem „Aremberg“, bei weitem noch nicht drüber. Schäfer schaut zu mir.
„Gohd’s Ihnä gued?“, fragt er.
Ich kann nicht antworten. Wir stürzen bergab, sind in der „Fuchsröhre“, schlagen auf. So war es, als ich als Kind im Schulsport vom Barren fiel, die Lunge leergepreßt.
„Deß waret etz so drei, vier ‚g'“. Auch Schäfer keucht. Ich überschlage, was ich grad gewogen habe, komme nicht darauf. Anderes ist wichtiger: Waren da nicht Reifenspuren eben? Sind wir am „Adenauer Forst“, der Stelle, an der die Amateure in den Wald fahren? So, wie Schäfer bremst, könnte es sein. Aber ich erkenne keine Abschnitte mehr, alle Kurven scheinen gleich, gleich schnell, gleich ohrenbetäubend, und sie kommen alle, alle schneller, als ich je für möglich hielt. Wieder geht es bergab, in eine Linksbiegung, die kommt mir bekannt vor: war das nicht – – – ?
Keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit für irgendetwas anderes als – festhalten: Schäfer bremst. Bremst, wie er es vor noch keiner Kurve getan hat. Abnorme Kraft drückt, schiebt, saugt, nein, das geht zu langsam: katapultiert mich nach vorne. Ein Fahrradunfall meldet sich spontan aus tiefstem Gedächtnisdunkel. Mein Vorderrad blockiert, ich fliege hochkant über den Lenker und bremse mit dem Kinn. Im CLK ist für solchen Kinderkram kein Platz. Ich hänge im Gurt wie ein Seekranker über der Reling. Mein Hintern hebt sich, ich hocke, statt zu sitzen, versuche es zumindest, alles andere als freiwillig, stemme mich mit beiden Beinen ein, es reicht nicht. Die Oberschenkel zittern, die Knie geben nach, ich falle zurück auf den Sitz, noch immer fauchen und knurren die Bremsen. Der Wagen fühlt sich an, als versacke er vorn in schnell härtendem Zement, doch das Heck ist umso beweglicher, es flattert wild. Mit einem scheußlichen Geräusch meldet die Frontschürze Bodenkontakt, spritzen orangefarbene Pünktchen ins Blickfeld und verglühen auf Höhe der Außenspiegel. Ich schiele zu Schäfer. Er hält das Lenkrad fest umklammert, beidhändig, seine Fingerknöchel sind blutleer – dann sehe ich nichts mehr, denn im Fußraum ist es dunkel.
„Kommet Se nuff, Se krieget sunst nix mit!“ Jetzt lacht Schäfer wieder.
Rücklings robbe ich in die Sitzposition zurück und versäume dabei „Kallenhard“. Umso besser. Nach einer langen Rechts erkenne ich „Wehrseifen“. Schäfer läßt den Mercedes halb quer in die enge Linkskurve hüpfen und beendet das Gejammer der Reifen mit Vollgas. So also fühlte es sich für Reutemann und Lauda an, den Abhang zur Brücke zu nehmen, so die Links–Rechts–Kombination am Breidscheid! Oder waren die – o Gott! – womöglich noch schneller? Und das 25 Runden lang? Ich verdränge den Gedanken. Schon sind wir am „Bergwerk“. Vor uns taucht ein 5er BMW auf. Der sieht schnell aus, verdammt schnell. Grenzbereich Bodenhaftung, sagt mein Gefühl. Nach drei Sekunden kann ich die TÜV–Plakette lesen. Rechtskurve. Die Ideallinie liegt auf der anderen Fahrbahnseite. Aber dort ist schon der BMW. Schäfer bleibt rechts, blinkt auf, schert nach links aus. Wir ziehen außen am BMW vorbei, sehr weit außen. Ein leichter Stoß markiert den Streckenrand. Der Tacho zeigt 180, aber es sind ja erst zwei Räder im Gras. Alles wird gut. Schäfer mault, der BMW habe sich zu breit gemacht, und beschleunigt weiter.
„Kesselchen“, „Klostertal“, Durchatmen. Es geht jetzt ein gutes Stück geradeaus. An der Kuppe vor dem „Caracciola–Karussel“ endet die grünbraune Baumwand schlagartig. Wieder kippt der CLK nach links, wieder klopfen die Plattenfugen des Bodenbelags die Stoßdämpfer in Richtung Motorhaube, aber, kein Zweifel, hier sind wir nicht schneller als vorhin. Wir sind genauso schnell. Schäfer fährt exakt dieselbe Linie und sie führt zu bekannten Empfindungen. Das beruhigt immerhin; ein Ansatz von Gewöhnung stellt sich ein.
Ich frage meinen Chauffeur, wie lange er schon auf dem Nürburgring fahre? Es ist mein erster Satz im Renntempo. Die Antwort kommt entsprechend schnell: 36 Jahre.
Am „Brünnchen“ stehen plötzlich Zuschauer, eine Handvoll Unverfrorene, denen der Anblick eines Autos, in dem ich sitze, anscheinend ausreichende Unterhaltung bietet. Ich kann ihre Gesichter erkennen, weil ich nun nicht mehr ausschließlich auf die Strecke starren muß. Einigen steht der Mund offen. Fragen Sie sich, wie sich anfühlen mag, was ich gerade erlebe? Wie sehen wir von außen aus? Würden Sie tauschen wollen? Oder reicht ihnen der Voyeursblick?
„Uff’passt – etzet fliaget mr glei e Schdiggle!“
Der Pflanzgarten! Schon ist die Senke zu sehen, sind zwei Senken zu sehen, die Kurve, mit der die Strecke danach in den Wald abbiegt. Was ich jetzt nicht brauche, ist die Erinnerung an das Foto von Jackie Stewart, wie er in seiner vierrädrigen Zigarre kauert, einen Meter Nichts unter dem Auto. Aber auf mein Gedächtnis ist Verlaß.
„Eihaldde!“ ruft Schäfer. Ich lasse den Türgriff trotzdem los: der am Dach scheint sicherer. Mit beiden Händen klinke ich mich ein. Das ist ein Fehler. Als der Wagen aufschlägt, wirft es mich nach rechts, zwirbelt mich förmlich ein; wie eine ausgewrungene Socke hänge ich unordentlich zwischen Sitz und Handschuhfach. Also doch der Türgriff. Aber wohin mit der Linken? Schnell, schnell, die zweite Schanze folgt sofort. Schäfer steht voll auf dem Gas, auf dem Tacho stehen drei furchtbare Zahlen, der CLK schießt bergauf, wahnsinnig steil hinauf, die Straße scheint geradewegs in die Wolken zu führen.
Und dann hört sie auf.
Im Abheben nimmt Schäfer den Fuß vom Gas. Der Motor fällt in den Leerlauf, es ist merkwürdig still. Ich bin schwerelos, klebe wie ein Heliumballon mit dem Helm am Wagendach und sehe staunend auf meine linke Hand, die die Abdeckung der Mittelkonsole festhält. Leider klebt auch die Hand am Dach.
„Ha, dess waret abr laicht zwelf Meedr…!“ freut sich Schäfer, als wir wieder Luft kriegen. Sofort nach dem Durchschlagen aller vier Räder hat er das Lenkrad nach rechts gerissen, um die Waldkurve zu kriegen. Erst jetzt sieht er die Abdeckung, die ich noch immer etwas hilflos festhalte.
„Schmeisset Se’s oifach hindr.“
Ist es vorbei? Waren wir schon am „Schwalbenschwanz“? Anscheinend, denn wir sind auf der Schlußgeraden und die Tachonadel bebt Tempo 300 entgegen. Ich bebe nicht mehr, mich schreckt nichts mehr. Nach zwei Dritteln der Geraden geht Schäfer vom Gas und läßt den CLK bloß noch rollen. „Ondr nain minuddn! Achd fuffzich“, verkündet er nicht ohne Stolz, „viel schnellr wored d’Formel Oins dodemals au nedd!“
Ich kann wieder rechnen: Schnitt 150.
Wieviel Prozent des Möglichen er gegeben habe?, will ich wissen.
Schäfer grinst: „Achtzig. Mehr war ned drin, wäge de Raife. Med Sliggs wär’s scho noh e bissle schneller gange!“
Die Auslaufrunde bekam ich kaum mit. Körperteile mußten neu angeordnet, „oben“ und „unten“ neu definiert werden. Das Adrenalin, das nicht so schnell fließen konnte, wie wir gefahren waren, beeilte sich jetzt, mich nachträglich zuzuspülen. Wie hatte Senna einst gesagt? Er würde sich selbst gern beim Fahren ins Gesicht sehen können. Ich verzichtete lieber auf einen Blick in den Spiegel der Sonnenblende, wollte nicht wissen, was mir da entgegenglotzen würde.
Schäfer hielt es nicht lange aus, das Material abkühlen zu lassen. Nach ein paar Kilometern fuhr er fast wieder so schnell wie bei der zweiten Umrundung. Reifen und Bremsen seien sowieso hinüber, meinte er, aber das mache nichts, sondern gehe „aufs Haus“.
Als wir den Hotelparkplatz erreichten, an dem mein Auto stand, verwandelte sich der Hexenmeister auf dem Fahrersitz wieder in den ruhigen, älteren Herrn, als der er mich begrüßt hatte. Er fragte, ob es mir gefallen habe.
Ich antwortete mit einer Gegenfrage: Wie man zu einem Job wie seinem komme?
Er lachte: „Frieh ahfange!“
Das Aussteigen fiel mir schwer.
Es waren aber nicht die Knie, die keine Lust dazu hatten, es war der Kopf: Ich wollte einfach nicht mehr in ein anderes Auto, wollte nicht zurück in meinen Mietwagen, der bei 140 ins Keuchen geraten würde und mit dem ich mich nun fünf Stunden lang über eine vollgestopfte Autobahn in Richtung Süden quälen sollte.
Aber es half nichts. Ich kletterte aus dem CLK, nahm den Helm ab und reichte Schäfer die Hand, um ihm zu danken und mich zu verabschieden.
Sie zitterte leicht. War es etwa kalt?
Als ich zu meinem Wagen ging, um mich nach Adenau aufzumachen und in einem Gasthof endlich etwas zu essen, fuhr Schäfer schon wieder zurück auf die Strecke.
Ich blickte ihm nach, bis der CLK hinter der Boxenmauer verschwand.
Das Bätscherle, das er mir drei Runden lang verabreicht hatte, war für ihn der Auftakt zu einem ganz normalen Arbeitstag. Einen von vielen, um die ich ihn fortan beneiden würde.
Ich fürchte, ich kann nicht behaupten, gescheiter geworden zu sein.